Mittwoch, 17. Juni 2026

Abitur- Entlassfeier

 

 


Am Korbacher Gymnasium Alte Landesschule gibt es eine schöne Tradition. Zur Entlassfeier der Abiturienten werden auch Ehemalige geladen, die ein Abiturjubiläum feiern, zum Beispiel 

ihr Abitur vor 40, 50 oder 60 Jahren. 

Da das Korbacher Gymnasium Ende des 16. Jahrhunderts gegründet wurde und in dem Gebäude eines Klosters untergebracht war, lohnt sich ein Blick tief in die Geschichte der Schule. Wir verdanken Dr. Bernd Kröpelin, dem ehemaligen Schüler und Lateinlehrer an der Alten Landesschule das Verständnis für eine besondere Gerichtsurkunde (Urfehdebrief), die sich im Stadtarchiv befindet.


Der Schüler Bernstorff bekennt darin, dass er den Rektor der Schule mit einer Schmähschrift beleidigte, eine Schülerrevolte anzettelte und das Schulgefängnis mit einer Axt aufschlug, um seine Kameraden zu befreien. Das war im Jahr 1589. 

Die Urkunde von damals ist auf Pergament handgeschrieben und für den heutigen Leser kaum zu entziffern.

Dr. Kröpelin hat den Urkundentext wortgetreu wiedergegeben und mit Anmerkungen versehen.

Man findet den Text in einer Sammlung von Urfehdebriefen, die das Korbacher Stadtarchiv im Jahr 1989 herausgegeben

 hat.


  • Fridericus Bernsdorff von Schwerdtstadt in Döring
    (Thüringen).
  • Bernsdorff hat unter seinen Mitschülern am Gymnasium in Corbach eine Verschwörung angestiftet und eine Schmähschrift gegen den Rektor verfaßt. Außerdem beschädigte er die Pforte des Klosters und versuchte, die im Karzer inhaftierten Schüler zu befreien.
  • Siegler: Melchior Lycaula, Notarius publicus. Bürger und
    verordneter Scholarch der Schule zu Corbach -
    (Aufgedrücktes Papiersiegel)•


F. B. bekennt, "obwohl ich mich anhero gen Corbach begeben, Gemüts und Meinunge, gute freie Künste und Sitten zu stu-dieren, zu lernen und zu prosequiren (= verfolgen), zu welchem Behuf ich dem Herrn Rectori Magistro Regenero Langio, mich, wie einem gehorsamen, frommen und redlichen Studenten

eignet und gebühret zu verhalten, angelool, so nab ich doch leider den Satan und mein sundhaftiges Fleisch so weit verführen lassen, daß ich itztberürter (= obengenannt) meiner Angelöbnis zuwider, neben andern meinen Condiscipuln (= Mitschüler), eine Conspiration und conjuration (= Ver-schwörung) angestiftet und geführet, und ein Famoßschrift (= Schmähschrift) an den Herrn Rectorem ausgehen lassen, und dann vors ander die Pforten am Closter, als einem ge-freieten Hause, mit einer Axt mit Gewalt aufzuschlagen un-terstanden, auch das Schloß vorm Carcere Scholastico (Schul-Karzer) in bemelten gefreieten Hause vi (= unrecht-mäßig) und de facto (= eigenmächtig) entzwei geschlagen, und die darin gefänglich gehaltenen studiosos (= Studenten) herauslangen wollen, welcher Gewaltthaten halber, und daß ich mich auch vor ein membrum scholae (= Mitglied der Schule) nicht erkennen und coercitioni rectoris (= Strafe des Rektors) untergeben wollen, ich in der ersamen vorsichtig und wohlweisen Herrn Bürgermeister und Rats der Städte Corbach Haft und Gefängnis kommen und etliche Tage darin enthalten worden.

Wie wohl ich nun mit vorgedachter meiner Mißhandelunge ver-schuldet, daß ein ehrbar Rat vorgedachter Städte, mich vor Peinlich Halßgericht gestellt, und die Schärfe des Rechtens gegen mich gebraucht hätte, welches mir besorglich zu schwer gefallen wäre, so haben doch ihre ehr. w. solche Schärfe günstiglich remittiren (= erlassen), und meine Übertretung mit einer ansehnlichen Summe Geldes gebüßet sehen wollen.

Als ich aber dieselbe auch Armut halber nicht erlegen können, haben Ihre Ehrb. W. mich sowohl deroselben als auch des peinlichen Rechtsstandes auf mein unterdienstlichs. durch Gott emsigs Bitten, auch anderer und sonderlich der Schule Intercession und Vorbitt, sofern erlassen, daß ich

dero, von mir und andern meinen Commilitonen (= Studienge-nossen) wider den Herrn rectorem M. Langium gepflogener conjuration und divulgirter (= verbreiteter) Famoßschrift wegen, in Namen dero wolgebornen Herrn aller Grafen zu Waldeck meiner gnädigen Herrn, und dann der Städte Corbach, die Grafschaft Waldeck und Städte Corbach verloben und verschworen sollen, wie ich dann demnach einen leiblichen Eid getan und geschworen, die Tage meines Lebens in die Grafschaft Waldeck und Städte Corbach nicht zu kommen..."


Im Zusammenhang mit dieser Urfehde heißt es in Wolgang Med-dings Stadtgeschichte (S. 172) :

"Disziplinargesetze für Schüler und Lehrer wurden bereits 1578 von Dr. Copius in einer Schulordnung gegeben. Danach stand es dem Rektor zu, für leichtere Vergehen mit dem Stock zu strafen. Die Lehrer durften hierfür nur die Rute gebrauchen, doch wurde gegen die Schüler der oberen Klassen meist auf Geldstraße erkannt. Kapitalverbrechen zu bestrafen stand jedoch nur dem Bürgermeister und Rat zu. Als der zweite Rektor des Gymnasiums, Lange, 1589 neue Schulgesetze einführte, kam es zu lebhaften Tumulten der Schüler, die Versammlungen abhielten, nach Freiheit schrien und den neu eingeführten Karzer erbrachen. Mit Hilfe der Scholarchen wurde der Vorfall beigelegt, die Haupträdelsführer jedoch von der Schule verwiesen. Andere verließen freiwillig die Schule.




Dienstag, 26. Mai 2026

Schreibmesser im Naumburger Dom


Auf meiner dreitägigen Fahrradtour an der Saale stand ich endlich im Naumburger Dom (Weltkulturerbe). Während einer guten Führung, die ein amerikanischer Nachwuchswissenschaftler mit sehr guten Deutschkenntnissen machte,  fiel mein Blick auf ein Holzrelief an der Kanzel. (Leider konnte der Führer dazu keine erschöpfende Auskunft geben.)

Das Bild zeigt den Kirchenvater Augustinus beim Schreiben eines Buches. In der linken Hand hält er sein Schreibmesser, das im Mittelalter beim Schreiben auf Pergament für zwei Dinge nützlich war: erstens, man musste damit die Gänsefeder anspitzen, und zweitens, man konnte damit auf Pergament schaben. So wurde im Text korrigiert. Da die Kirche die absolute Lehrautorität hatte, wurde gewiss auch zensiert. Pergament war teuer und man benutzte es, so lange es ging.

In unseren Tagen bekommen wir über die Medien einen großen Wurf von Papst  Leo XIV. zur Lehrmeinung der Kirche über die umstürzende Künstliche Intelligenz vermittelt. („Magnifica Humanitas“ („Großartige Menschheit“).

„Entwaffnung der KI“: Der Papst fordert, KI von einer Logik der „Herrschaft, Ausgrenzung und des Todes“ zu befreien.

Das Gegenteil von einem großen Wurf findet in den USA statt, wo aus Kreisen der Republikaner und der Evangelikalen ganze Bibliotheken, vor allem in Schulen, gesäubert beziehungsweise zensiert werden. Leider brauchen sie keine Schreibmesser mehr zum Wegschaben unliebsamen Gedankenguts, z.B. die Evolutionstheorie von Darwin. 

Freitag, 8. Mai 2026

Etwas für die Augen

 


Heute war ich in der Augenklinik Uni-Bonn.

An der Bonner Uniklinik gibt es das Projekt Kunst und Kultur im Krankenhaus. 
Nach meiner Behandlung bei Professor Holz in der Augenklinik erlebte ich die wahre Bedeutung des Begriffs „Augenweide“. Unmittelbar nach dem Laser-Einsatz konnte ich plötzlich wieder auch Kleingedrucktes lesen.
Mein glücklicher Blick fiel auf eine Reihe von Gemälden vor den Sprechzimmern im Wartebereich. 
Abstrakte Malerei, sehr schön, reich im Spiel von Formen, Kontrasten, Übergängen, Farbkomposition, Hintergrund und Vordergrund, Gestaltung, Gewichtung der Farben, und ihre Abtönung, Anregung zur Assoziation, weiche Farben, grelle Farben, Abstufungen, Leichtigkeit in der Anmutung, Gefühl von Dynamik in den Kompositionen.
Kein Wunder, dass nach Wiederherstellung der Sehfähigkeit meine Gedanken stürmten. Da ist die Physik des Sehens durch Linse und über die Netzhaut und da ist das Wunder der Imagination von Bildern mit Bedeutung und das Spiel von Formen und Farben. 
Die ausgestellten Bilder sind von der Künstlerin Johanna Hess. 
Ich bin dankbar und werde das Sehen mit neuem Bewusstsein genießen.

Dienstag, 21. April 2026

Jetzt geht es an die Brücken

 

  (Foto privat, Eisenbahnbrücke Urmitz)

                   


Brücken verbinden. In der Menschheitsgeschichte sind sie Ausweise der Zivilisation. Wer sie zerstört, ist ein Barbar.

Das ging mir durch den Kopf, als ich mit dem Fahrrad von Bonn nach Koblenz unterwegs war. Vorbei an der Brückenruine von Remagen ging die Fahrt nach Neuwied. Dort geht eine wunderschöne Straßenbrücke über den Rhein - eine sechsspurige Tragseilkonstruktion (Pylonbrücke), eröffnet 1977. Mit guten Fußgänger-/Fahrradwegen an den Seiten. Zur Erinnerung an den Gründer der Genossenschaftsbewegung trägt sie den Namen Raiffeisen.

Auf der linken Rheinseite bin ich weiter geradelt in Richtung Koblenz. In Urmitz kam die nächste Brücke in Sicht, eine Eisenbahnbrücke aus der Kaiserzeit. Die Pfeiler erinnern an die im zweiten Weltkrieg zerstörte Brückenruine von Remagen. Diese Erinnerung wundert nicht, denn beide Brücken sind in der Kaiserzeit während des Ersten Weltkriegs erbaut worden.

Samstag, 11. April 2026

Bombennacht im Interview der FAZ mit Regisseur Tragelehn

 


Die FAZ hat heute ein Interview mit dem Theaterregisseur B.K. Tragelehn veröffentlicht. Darin findet sich sein Erlebnis der Bombennacht von Dresden 1945.  Das Grauenvolle dieser Nacht - ein monumentales Kriegsverbrechen - scheint kein Ende zu nehmen, weil in unseren Tagen ähnliche Erlebnisse der Menschen  in Gaza, im Libanon, im Iran und seltener in Israel zu berichten sind.

 „Wenn der Bombenalarm kam, musste man fünf Treppen runter in den Keller, das war ich gewohnt: Wie man aus dem ersten Schlaf gerissen wurde, runter musste, dann rumsaß, döste, mitunter herrschte da durchaus eine muntere Stimmung. Auch an diesem Tag ging das so los, wir saßen unten im Keller, scherzten, aber auf einmal hörte man Flugzeuge – und zwar viele. Dann kamen die ersten Einschläge, die Bomben fielen zuerst in der Stadtmitte und kamen dann immer näher, bis sie zu unserem Häuserviertel kamen. In unserer Straße gab es zwei Volltreffer, um die Ecke, wo der Milchladen war, und eine direkt hinter unserem Haus, da schwankten die Wände, aber uns ist wie durch ein Wunder nichts passiert. Also sind wir raus, haben eine Weile im Sandkasten mitten auf dem Dürerplatz gesessen, ringsherum brannte alles. Wir sind dann die Straße hoch, wollten eigentlich zum Haus einer Tante, sind aber nicht weit gekommen, denn da kam schon der zweite Beschuss. Alle Keller waren überfüllt, aber irgendwo kamen wir knapp unter. Ich erinnere mich noch, wie wir später aus dem Keller rauswollten, aber die Tür schwer aufzukriegen war – nicht weil sie zugeschlossen gewesen wäre, sondern weil von draußen ein ungeheurer Feuersturm so auf die Tür drückte, dass sich mehrere Männer gegen die Tür stemmen mussten. Das Haus meiner Tante war völlig in den Boden gebombt, nichts war mehr übrig. Also sind wir in einer Turnhalle hinter einer brennenden Schule untergekommen, da haben wir bis zum Morgen gesessen und unsere Heimatstadt im Flammenmeer untergehen gesehen.“

In Deutschland ist das kollektive Gedächtnis noch vorhanden. Man weiß noch, wie die  Vernichtung einer Zivilisation geht und wie sich das Leben in den Bombardements der Hölle anfühlt. (Foto privat, Lichtkunst im öffentlichen Raum, Ausstellung in Regensburg)