Sonntag, 9. Juni 2024

Der alte Mann und seine Medizin - mit Risiken und Nebenwirkungen

Auf der Schwelle zum Altwerden hat es geknallt: Irgendwas mit Blutdruck, Stoffwechsel und verengten Gefäßen. Der Arzt verabschiedet dich aus der klinischen Behandlung mit einem Medikamentenplan. 


Weißt du noch, wie du fragtest: „Wie lange muss ich diese Tabletten einnehmen?“ und wie er oder sie antwortete: „Für immer.“ - “Für immer?“
„Ja, bis ans Lebensende, wenn Sie so wollen.“ - „Gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen, etwa hinsichtlich Schlaf, Potenz und Autofahren?“ - „Das ist alles eine Frage der Einstellung und der Abwägung. Aber glauben Sie mir, alles ist gut verträglich. Damit können Sie hundert Jahre alt werden. Sie sind ab jetzt nur medikamentenpflichtig.“

Aha, ich habe eine neue Pflicht, allerdings eine freiwillige. Wenn ich meine Medikamente regelmäßig einnehme, dann gelte ich überdies als medikamententreu. 

Hätte ich zwischen Pflicht und Treue zu wählen, wäre mir die Treue lieber. Hier grenzt die Bedeutung schließlich an das Sich-etwas-trauen. Und dazu wiederum braucht es ein bisschen Mut. Du führst deinem Körper etwas Chemie zu und nimmst irgendwelche Risiken und Nebenwirkungen in Kauf. Wenn du auch noch etwas Glück hast, dann kannst du sogar alt werden.

Im Freundeskreis der Immer-älter-Werdenden kannst du von nun an vergleichen, wer was einnimmt. Du stellst fest, dass der chinesische Freund in Schanghai sogar das gleiche Medikament von derselben Marke einnimmt wie du.

Kein Wunder, denn im Zuge der Globalisierung ist Deutschland nicht mehr Nummer eins. Wir sind nicht mehr die Apotheke der Welt. Heute werden die meisten Pillen in China gedreht - und in Indien.

So konnte es passieren, dass du dein Medikament plötzlich nicht mehr bekamst, weil die Lieferkette bis zu deiner Apotheke gestört war. Das ganze Land wurde von einer großen Störung heimgesucht. Erst Jahre später werden die Dinge aufgearbeitet sein und man wird wissen, wer die Störer waren.

Nun willst du aber wissen, was mit dir und deinen Medikamenten los ist. Dein Arzt hat dir schon alles gesagt, was er wusste; also fragst du nun deinen Apotheker, ganz wie es der Beipackzettel deines Medikamentes vorschlägt.

Da merkst du, dass der altbekannte Text „Zu Risiken und Nebenwirkungen“ geändert wurde. Es liest sich jetzt gendergerecht: „(…) fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke." 

Die alte Formulierung ist weg. Der Apotheker ist nicht mehr da, er ist weg - weggegendert. 

Vielleicht hat die Apothekerschaft schon eine zukünftige Beratungssituation vorweggenommen. Die neue Formulierung „in der Apotheke“ kann auch bedeuten, dass du es mit einem weit entfernten, vielleicht nur mit einem virtuellen Ort im Internet und Online-Versand zu tun hast.

Der alte Mann braucht nicht mehr vor die Tür zu gehen. Mit Wehmut erinnert er sich, wie akademisch ausgebildete Apotheker im persönlichen Gespräch über die jeweiligen Risiken und Nebenwirkungen aufklärten. Das gute Apothekerwort trug dazu bei, dass die Medizin doppelt so gut wirkte.

Dafür wird heute doppelt so gut an ihr verdient. Auch wegen der Lieferkette.



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